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Meine zarte Saite

Wolfgang - Charaktereigenschaft: Hochsensibel


Ich bin hochsensibel. Manche Leute betrachten das als Schwäche. Manche Leute definieren darin eine Krankheit. Ich sehe es als eine meiner Stärken.


Die Welt ist hart. Sie wurde so gemacht. Das Leben der Menschen rotiert in einem Irrgarten aus Druck, Zwang und allseits geforderter Leistungsfähigkeit. Man muss das aushalten. Manchmal erscheint mir das Lebensziel der Leute zu sein, im Wettkampf, wer am meisten Widrigkeiten auszuhalten vermag, zu gewinnen. Bis zum Lebensende macht man seinen Körper kaputt, physisch und psychisch, damit nichts übrig bleibt. In einer solchen Welt funktioniere ich nicht.

Mein Leben ist weich. Ich habe es mir so eingerichtet. Etwas Anderes wäre umöglich gewesen. Das ist meine Überlebensstrategie.


Ich kann zwischen den Zeilen lesen. Ich muss zwischen den Zeilen lesen. Es ist mir unmöglich, da wegzuhören. Ich kriege einfach mit, was zwischen den Zeilen ausgesagt wird.


Die österreichische Sprache ist recht lieblich, oberflächlich betrachtet. In Wirklichkeit enthält sie jedoch ein unglaubliches Sammelsurium an Brutalitäten, wenn man in die Tiefe geht. Diese teilweise grauslichen Aussagen, die sich zwischen den Zeilen verstecken, entgehen mir nicht. Vorurteile, Stigmatisierungen und einfach nur Dummheit werden in meinen Kopf geleitet, wo sie zur Verarbeitung herangezogen ein Bild der Welt ergeben. Dieses Bild könnte furchtbar sein. Ihr Normalos dort draußen könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ihr mir mit eurer unbarmherzigen Alltäglichkeit weh tut!

Meine zarte Saite empfängt jedoch noch andere Signale. Der Mensch ist im Grunde seines Herzens gut. Fast alle Menschen versuchen, ihr Leben nach ethischen Grundsätzen auszurichten. Nur die Ethiken unterscheiden sich. Auch meine Ethik unterscheidet sich. Während ich gutgemeinte Ratschläge als Schläge empfinde, versuche ich mich im bloßen Zuhören zu üben. Wer bin ich, dass ich mir anmaße, anderen Menschen helfen zu können? Ich kann ihnen nur zuhören. Und zwischen den Zeilen lesen.

Dann aber drehe ich den Spieß um. Dann müsst ihr mir zuhören!


Jeder hochsensible Geist muss eine Strategie entwickeln, mit seiner Gabe umzugehen. Die Reizüberflutungen aus den vielen Sinnen würde sein Gehirn überfordern. Wie soll man all diese Informationen stoppen, die auf einen einprasseln?

Ich versuche es mit Kreativität. Ich versuche es mit dem Schöpfungsgedanken. Ich tauche den Schöpflöffel meiner Muse gehorchend ganz tief hinein in die Ursuppe mit den unendlich hinzugefügten Zutaten in meinem übervollen Schädel, und heraus kommt ein Gedanke, eine Idee, eine Vision oder ein ganzes Buch. Im Schreiben kann ich meine überfütterte Fantasie zähmen. Meine zarte Saite beginnt zu schwingen.






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