Depression - *Die Geschichte vom schwarzen Hund - Erfahrungsbericht von Frances

Wie ich Herrin meines Hundes wurde und (hoffentlich) bleibe


Der schwarze Hund. In vielen Menschen wuselt bei diesem Gedanken ein wendiges Geschöpf mit großen Kulleraugen über eine saftige Wiese. Stöckchen holen, im Gras wälzen, flauschige Party. Bei mir war das lange Zeit ebenso, zumal ich einen wahrhaftigen schwarzen Hund als Haustier hatte. Zu Tieren spüre ich seit jeher eine stärkere Verbindung als zu Menschen. Rückblickend betrachtet, konnte es gar nicht anders kommen, als dass der Verlust des einen den anderen schwarzen Hund auf den Plan rief. Als Kontrolletti machtlos dem geliebten, kranken Wesen zuschauen und akzeptieren zu müssen, dass zunehmend die Lebensgeister aus diesem einst so fröhlichen, neugierigen, frechen und agilen Tier schwinden – no way! Mein Hund war nicht der Grund, aber der Auslöser.

Tag X. Nichts geht mehr. So sehr du auch willst, denn du bist normalerweise ein willensstarker Mensch. Wie dein Hund warst du fröhlich, neugierig, frech und agil. Mit ihm ging plötzlich all das auch aus mir. Während du in tagelangem Tränen-Staccato Angst bekommst, dass das nie wieder endet, setzt du parallel gleich all jene Überzeugungen ins Scheinwerferlicht, die dich – wie du freilich erst viel später erkennen wirst – genau dahin gebracht haben: Du musst stark sein. Du musst funktionieren. Was sollen die Leute sagen? Du bist zu nichts zu gebrauchen. Du kannst nichts. Und jetzt lässt du auch noch die ganze Welt im Stich.

Anderen Menschen Umstände machen!


Geduld, Angst und der Moment

In meinem Erfahrungsbericht soll ich das Gute benennen. Das, was mir half und hilft, die dunkle Zeit zu bewältigen. Das wohl wichtigste Fazit meines nun finsteren halben Jahres: Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. Ich weiß, wie schwer ein solch optimistischer Gedanke fällt, wenn der berüchtigte schwarze Hund auf deinen Füßen döst und du ihn weder mit Spielzeug noch Leckerlis in die Weite schicken kannst. Doch wie im Umgang mit echten Tieren ist es auch mit der Depression: Geduld haben. Keine Angst haben. Im Moment bleiben, auch wenn jeder davon erst einmal unerträglich scheint.


Stabile Beziehungen

Ein extremer Helfer war für mich die Offenheit. In depressiven Episoden lernst du nicht nur eine Menge über dich, sondern auch über andere Menschen. Eine Depression erweist sich als hervorragende soziale Putzfrau: Ich habe instinktiv zuerst die Menschen über meine Situation informiert, die für mich am meisten Bedeutung haben. Meinen Mann, meinen Chef, meine Kollegin. Nach etwas zeitlichem Abstand wurden Freunde und Teile der Familie eingeweiht. Noch etwas später andere Leute, denen man bisher ganz gut aus dem Weg gehen konnte. Die Reaktionen all dieser Menschen lösen in wenigen Augenblicken dein größtes Problem in der Depression: Angst. Ratzfatz konnte ich sortieren, auf wen ich wirklich zählen kann und wer mein Leben künftig nicht mehr aus der ersten Reihe begleiten wird. In diesem Prozess erkennst du, dass manche Menschen schon immer für dich da sein wollten, du das aber in deinem dämlichen Mindfuck, immer alles alleine wuppen zu müssen, schlichtweg nicht gesehen hast. Und du entlarvst die anderen als erbarmungslose Energievampire. Auftritt für die Putzfrau: Wisch und weg. Was bleibt, sind stabile Beziehungen. Andere brauchst du ohnehin nicht.


Machen

Anderen zu sagen, „mir geht es gerade nicht gut, ich brauche Zeit“, ist eine unheimliche Befreiung, die es dir erst ermöglicht, dich deiner Krise zu stellen. Auch das hat mir geholfen: der trotzdem präsente Machergeist. Auch wenn er nur noch ein leises Flüstertütchen war: „Du lässt dich nicht unterkriegen“, raunte er liebevoll.




Erinnern und daraus Schlüsse ziehen Geholfen hat mir die Erinnerung an meinen Vater. Zeit seines Lebens ähnlich impulsiv und sein Innenleben verbergend wie ich, starb er als tiefunglücklicher Mensch. Voller Schmerz, Leid und in einer unbeschreiblichen Abwehr dem Tod gegenüber. Obwohl wir über 30 Jahre die Gelegenheit gehabt hätten, sprachen wir erst in seinen letzten Momenten wirklich miteinander. Ihn als so fragilen, ängstlichen und in sich verlorenen Mann zu erleben, hat mich tief traumatisiert. Ich möchte am Ende meines Lebens nicht bereuen, dass ich jetzt sterben muss, ohne je gelebt zu haben. Dieser Vorsatz entfaltete in mir Energie.


Selbstreflexion und Psychoedukation

Mit medikamentöser Unterstützung besserten sich zumindest die somatischen Beschwerden etwas. Ich konnte mich wieder bewegen. Der Motor tuckerte nur, aber hey, er tuckerte wenigstens! Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit Persönlichkeitsentwicklung. Das war meine Rettung. Denn ich verordnete mir erst einmal ein methodisches Bootcamp. Zahlreiche Tools, die ich auch schon in meiner Arbeit nutzte, aber vor allem aufgrund meiner unstillbaren Neugier auf menschliche Weiterentwicklung studiert hatte, wendete ich nun im Selbstversuch an. Jedes einzelne Ergebnis führte am Ende zu einer großen Mind-Map über mich. Ich erkannte mich buchstäblich. Und allmählich wuchs auch der Mut, all diese Facetten meines Selbst mal anzunehmen. Das war nämlich bisher mein größter Fehler: Sein wollen, wie andere es für gut befinden, nicht, wie ich es für gut befinde. Doch wohin kommst du, wenn du dir deine Themen im Leben nicht selbst setzt, sondern von anderen setzen lässt?


Wesensgerechte Therapie

Therapie. Na klar. Wenn es das richtige Verfahren und ein guter Anwender ist, wird Therapie extrem wertvoll. Ich habe schon drei Verhaltenstherapien hinter mir. Aber der Fokus auf vereinzelte Brandherde entspricht grundlegend nicht meiner Denke, weshalb diese Art der Therapie für mich nie hilfreich, sondern eher frustrierend war. Diesmal habe ich gründlicher auf Arbeitsweise und Kompetenz des Therapeuten geachtet. In deiner ohnehin bitteren Situation sollst du auch noch einschätzen können, ob der Seelenklempner nun was taugt oder nicht. Auch hier kam mir die Beschäftigung mit psychotherapeutischer Fachliteratur zugute, denn ich hatte aus den Büchern gelernt, wie Therapie sein sollte. Mir gingen viele Lichter auf, weshalb es in den Versuchen zuvor nicht klappen konnte.

Nach Sprechstunden und probatorischen Sitzungen habe ich diesen Monat mit der gezielten Arbeit an meinen Themen losgelegt – in einer systemischen Therapie. Jede Sitzung hat eher Workshop-Charakter. Die eigene Krise mit Springseilen auf den Boden legen, die Familie und die Beziehungen zu anderen Mitmenschen mit Legomännchen aufstellen, malen und irgendwas auf irgendwelche Zettelchen schreiben, alles zusammenschieben und wieder auseinander und noch mal anders – und dann: Ach! Das ist ja interessant!

Mir haben bereits die Probesessions geholfen, meine bisher größte mentale Widersacherin nicht mehr zu verteufeln, sondern ihr mitfühlend zu begegnen – ein enormer Befreiungsschlag. Drei Therapien lang hat das keine Konstellation geschafft. Weil ich nicht auf mein Gefühl gehört habe (sei froh, dass du einen Platz hast, auch wenn es sich bei der oder dem doof anfühlt). Und weil ich meine Probleme in Krisenzeiten genauso lösen möchte wie in den guten: kreativ und interaktiv.


Resilienz verstehen

Neben allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen (mit einem wissenschaftlichen Profil erforscht), Energiefaktoren, Aspekten der Selbstführung und Vitalität (ein Ergebnis von 0,8% macht auch mit dem größten Sportmuffel etwas) hat mir die Auseinandersetzung mit Resilienz in Theorie und Praxis wichtige Impulse für die Durchdringung der aktuellen und eventuell wiederkehrender kritischer Phasen geschenkt. Ich kann nun einschätzen, wie sich eine Talfahrt ankündigt und was ich dann brauche, um nicht unsanft aufzuklatschen. Wichtig: Was brauche ich? Nicht die anderen!

All das auch zu kommunizieren, muss ich freilich noch lernen – ich will immer noch keine Umstände machen, aber ich muss wohl, damit irgendwann wieder Platz für einen echten schwarzen Hund in meinem Leben ist.


Mein Rat an alle, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind: Baut euch wenige, aber stabile Beziehungen und nehmt Hilfe an. Versteht euch selbst, bildet euch, hamstert Wissen. Und am wichtigsten: Habt keine Angst. Es ist immer jemand für euch da. *Für all jene, die die Geschichte vom Schwarzen Hund nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=1UiA32Qv4yE




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