Sarah, 33; Psychologin und Teammitglied in der Lichterkette erzählt von ihrer eigenen Betroffenheit

Diagnosen: ADHS, Asperger; schizophrene Psychosen +Depressionen Mein Name ist Sarah, ich bin 33. Mit 20 erlebte ich, nachdem ich mich schon seit dem Teenageralter ein bisschen wie eine Außenseiterin fühlte, eine erste, sehr angstbesetzte Psychose. Eigentlich war ich davor- im Gymnasium- bestimmt schon ein paar Jahre sozialphobisch gewesen- ich sprach fast kein Wort- es löste zu viele Ängste und Anstrengung in mir aus. Wenn ich nicht grade sozial ängstlich und gestresst war, interessierte mich der Stoff in der Schule nicht. Für mich waren Jungen und das Ausgehen nichts und auch sonst hatte ich kaum ähnliche Interessen wie meine MitschülerInnen. Die Schule war die Hölle. All das fiel kaum auf- ich war ja angepasst und still- vielleicht zusätzlich, weil ich gute Noten hatte. Selbst die Zeit mit den Psychosen war irgendwie sogar besser. Freude machte mir aber, auch während der Schulzeit, zuhause das Schöne im Leben, zB der Sport Basketball- in den ich mich mit 12 verliebte. Eine weitere Leidenschaft war, dass ich schon als kleines Kind gerne Geschichten von Menschen hörte- daher studierte ich Psychologie. Ich schloss das Studium trotz einiger psychotischer und depressiver Krisen positiv ab. Das war emotional sehr schwierig- denn ich las zb auch drüber, dass Schizophrenie(dem ich zugeordnet wurde mit meinen mehrfachen schizophrenen Psychosen und depressiven Phasen)oft chronisch verlaufe. Glücklicherweise hatte ich schon immer einen Dickkopf- das half wahrscheinlich. Ich hatte es studiert, da ich Menschen immer schon mochte und ihre Geschichten oft spannend fand. Aber- mich selbst gleichzeitig besser zu verstehen- das versuchte ich ebenso mein Leben lang und diese 2 Dinge müssen sich nicht gegenseitig behindern oder ausschließen- ganz im Gegenteil: Wer sich selbst klarer versteht, wird auch seine Umwelt besser wahrnehmen können. Das Verstehen war für mich immer sehr wichtig, da ich immer viel Chaos in mir habe, das es zu entwirren gilt. Das hängt bei mir mit verschiedenen Faktoren zusammen- auch mit meiner Hochsensibilität und meinem intensiven Denken. Bei mir wurde vor kurzem, auf meine Initiative hin, ADHS (die Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitäts-Störung) in gemischter Form diagnostiziert, ebenso Asperger (eine Form von Autismus). Beides hätte ich früher nie zu haben geglaubt. Denn ich empfinde sehr intensiv, bin mitfühlend und kann mich unter passenden Umständen extrem gut konzentrieren. An diesen 2 Aussagen kann man erkennen, dass das, was man unter ADHS und Asperger so im Allgemeinen versteht, sehr wenig mit den Fakten dieser 2 neurologisch-psychiatrischen Diagnosen zu tun hat. Selbst unter Psychologen kennen sich die wenigsten damit aus- schon gar nicht mit beidem auf einmal. Es ist auch sehr komplex. Ich denke, das wird sich in den nächsten Jahrzehnten bessernes wird mehr Spezialisten geben- und hoffentlich weniger Falschinfos in der Gesellschaft. Doch ich las zufällig einen Zeitungsartikel und dann viele englische Bücher über diese Syndrome und fand mich darin stark wieder. Wussten Sie z.b., dass ADHS, besonders bei Frauen, meist auch mit intensiven Stimmungen und Selbstwertproblemen einhergeht? Oder, dass man sich -bei ADHS- mit Inhalten, die einen nicht stark interessieren, selbst wenn man es eigentlich will, kaum motivieren kann, zu beschäftigen? Oder, dass Asperger- Personen Shutdowns; also eine Art oft tägliche, kleinere Zusammenbrüche haben, weil ihnen alles zu viel wird? …Weil sie meist hypersensitiv auf Reize reagieren? Oder, dass Asperger auf emotionaler Ebene sehrwohl sehr mitfühlend sein können, jedoch Mimik schlecht entschlüsseln können? Diagnosen sind nicht für jeden so essentiell wie für mich. Ich aber musste ausdauernd sein, um die grundlegenden Diagnosen und damit die richtigen Informationen für meine Konstitution zu findenDenn bisherige Therapien waren für mich fast nutzlos- doch, seit ich verstanden werde, hat auch Hilfe einen Sinn. Wenn man erstmal eine „heftige“ Diagnose hat, schauen die Diagnostiker und Professionisten nicht mehr näher hin, denn „man hat halt Schizophrenie“ und es ist dann die Erklärung für alles Schwierige. Für mich war das nicht stimmig, ich spürte, dass ich selbst noch weiterforschen musste. Als Mensch mit Asperger und ADHS fühlt man sich öfters wie ein Alien- nicht durch die Diagnosen, sondern durch die eigene Andersartigkeit. Man fühlt, dass irgendwas an einem speziell ist, so wie auch Hochsensibilität oder verschiedenen Problematiken und Begabungen dieses Gefühl erzeugen können. Man weiß aber oft lange nicht, was es ist und ob man es sich einbildet. Außerdem kam ich vor ein paar Jahren drauf, dass ich homosexuell bin, was ich gut verdrängt hatte. Kein Wunder, dass ich mich bei meinen Attributen immer schon ein bisschen fremd fühlte. Heute bin ich glücklich mit einer Frau verheiratet.  Ich arbeitete zuletzt ein paar Jahre lang im Sozialbereich, wobei keiner von meiner damals einzigen Diagnose der episodischen schizophrenen Psychosen wusste- ich hatte inzwischen durch sehr deutliche Diskriminierungserfahrungen gelernt, dass es nicht erwünscht ist, damit in der Arbeitswelt offen umzugehen. Leider schon gar nicht im Sozialbereich. Wir würden jedoch viel gewinnen, wenn wir die Menschen nicht mehr in „wir und die“ einteilen würden. Die Arbeit hat für mich zu dieser Zeit optimal gepasst- ich lernte auch sehr viel und konnte viel geben. Inzwischen orientiere ich mich aber um- Richtung weniger belastende psychologische Fachbereiche. Mir ist wichtig: Wir, die psychisch erkrankt sind, sind nicht „die Anderen“. Es gibt kein Wir und Ihr- wir sind alle gleich viel Mensch. Ich hoffe, wir können unsere Gesellschaft mit der Lichterkette daran erinnern, Niemanden mehr auszugrenzen, woraus auch immer. 


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